Claudio Naranjo deutet und analysiert in seinem Buch „Das göttliche Kind und der Held“ die innere Weisheit von Märchen anhand von acht ausgewählten Büchern. Vier dieser Bücher beschreiben den matriarchalen Stil des „göttlichen Kindes“, das aus sich heraus bereits vollkommen ist. Die vier anderen Bücher erzählen von der patriarchalen Haltung, also dem Helden, der sich als unvollständig erlebt und auszieht, um sich durch Abenteuer zu vervollkommnen.

Naranjo selbst kommentiert dieses Buch: „Ich denke heute nicht mehr so geringschätzig darüber, die Weisheit von Märchen und Geschichten zu deuten; wenn es auch die Kinder nicht interessiert, so hoffentlich doch die Erwachsenen – und das innere Kind, das in jedem lebt.“

Textauszug:

„In „Die Tierfamilie von R. Jarrell“ drückt sich die gegenwartsbezogene Haltung besonders durch die Nixe aus:

Die Nixe erzählte ihm von ihrer Kindheit und ihrer toten Schwester, sie schien aber nie irgend jemand von ihnen zurück haben zu wollen. Der Jäger fragte ganz erstaunt:

„Wünschst du dir nicht, dass deine Schwester noch da wäre?“

Die Nixe antwortete: „Sie war doch damals da. Warum möchtest du, dass sie auch jetzt da ist? Ein Tag ist für die Geschöpfe des Meeres wie eine Welle und der nächste Tag ist wie die nächste Welle. Und ob sie nun froh sind oder traurig, das Meer wäscht alles weg. Als meine Schwester starb, hatte ich es am nächsten Tag vergessen und war wieder glücklich...“

Da sie nicht an der Vergangenheit hängt, kann sie auch die Gegenwart voll genießen, und diese Fähigkeit (die auch die des Autors vermittelt) verleiht dem Buch seinen Gehalt. Alles, was die Figuren in ihrer Umgebung erleben, bietet sich dem Leser als Geschenk von Augenblick zu Augenblick an. Der Inhalt ist von geringer Bedeutung, denn alles Augenmerk liegt auf dem Augenblick: Der Liebreiz des Bärenjungen, das sich gerade schlafen legt, die Art, wie  der Luchs entlang der Brandung im nassen Sand geht und am Treibholz und Seegras schnüffelt, der Gesang des Vogels und jedes andere Detail des Umfelds.

Die Betonung des Umfelds wie auch die Beschäftigung mit der Persönlichkeit der Figuren und ihren Beziehungen (dem menschlichen Umfeld) können so als weiteres Merkmal des Interesses an der Wirklichkeit verstanden werden – des Interesses an den Dingen wie sie sind, an Wesen oder Ereignissen um ihrer selbst willen. Es geht hier nicht so sehr um ein Ideal und um das Streben nach dem, was sein könnte oder sollte. Für den kleinen Prinzen und die Nixe gibt es keine Langeweile, denn das Leben selbst ist für sie interessant, egal wie es aussieht:

Sie konnte auch nicht verstehen, warum er sich langweilte – sie konnte nicht einmal verstehen, was es bedeutete sich zu langweilen. Sie sagte: „Wenn du etwas nicht mehr tun willst, dann kannst du doch etwas anderes machen. Und warum musst du überhaupt etwas tun?“ Sie lag zusammengerollt auf der Fensterband – von einem Schiff hatte sie ein großes Fenster aus Glas und Holz und eine Fensterbank voll mit Fellen - , und von dort sah sie hinaus auf das Meer oder döste oder war einfach da.

Dies steht im krassen Gegensatz zur Psychologie des Helden im konträren Typ von Geschichte, der sich im Grunde unbefriedigt und nicht selten gelangweilt fühlt. Es ist diese Langeweile und der Drang nach Aufregung, die ihn ins Abenteuer treiben, zum Sprung ins Außergewöhnliche, der letztlich auch den Inhalt bildet. Und so geschieht es auch an einem regnerischen Tag, dass die Kinder in Lewis „Der König von Narnia“ frustriert beschließen, das Haus, in dem sie sich befinden zu erforschen. Daraufhin betreten sie eine magische Welt.

„Alle stimmten zu, und so nahm das Abenteuer seinen Lauf. Es war die Art von Haus, wo es scheinbar immer weiter ging, und es war voll unerwarteter Orte.“

T.H. White nennt die Langeweile noch ausdrücklicher als Motiv dafür, dass der junge Arthur („Wart“) Merlin um seine aufregende Magie anbettelt. Das wird zum Ausgangspunkt einiger Abenteuer:

„Oh Merlin“, rief der Wart ohne zu antworten, „bitte, gibt mir heute etwas zu tun, ich fühle mich so elend. Niemand gibt mir heute etwas zu tun, und ich weiß einfach nicht, wie ich auf mich aufmerksam machen soll. Es regnet so stark.“

Im ersten Fall ist es die Verborgenheit des „alten Hauses voll unerwarteter Orte“, die den Drang der Kinder nach Erforschung und Abenteuer, der aus ihrer Langeweile entsteht, befriedigt. Und es ist das Verborgene von Merlins Zauber in „Das Schwert im Stein“, das im jungen Arthur eine ähnliche Langeweile und das Verlangen nach Aufregung stillt. Langeweile, Frustration und Abenteuerlust können in beiden Fällen als Verlangen nach dem Außergewöhnlichen gesehen werden, das heißt als Kehrseite ihrer Unfähigkeit, sich mit dem „Gewöhnlichen“ zufrieden zu geben.

Kontemplativ zu sein bedeutet tatsächlich, keine Sehnsucht zu haben. So wie der Lohn des voll erlebten Augenblicks den Durst für das Ferne löscht, ermöglicht die Beschäftigung mit nichts anderem als dem Gegebenen dem kleinen Prinzen, der Nixe und anderen Wesen aus der matriarchalen Geisteswelt, sich selbst voll dem Augenblick hinzugeben. Ihre Liebe liegt in dieser vollen Hingabe an den Augenblick und nicht in der Sehnsucht nach dem Möglichen, und deshalb passt das Stilelement des „sanften Gefühls“ zum „gemächlichen Tempo“, zur „Betonung des Umfelds“, zum „Realismus“ und zu anderen Merkmalen.

Der Held ist zu sehr mit seiner Suche und seiner Sehnsucht beschäftigt, um sein Augenmerk auf das Gegebene zu richten und dabei zu verweilen. Die Figuren im konträren Literaturtypus wollen nichts für sich selbst und können sich deshalb – da sie auch nichts zu verlieren oder zu gewinnen haben – voll auf das einlassen, was das Leben ihnen bringt. Sie gehen so sehr im Realen auf, dass sie im Reich der „Spiele, die Menschen spielen“, wenn sie von ihren Phantasien und dem Bedürfnis nach Wichtigtuerei getrieben werden, zu Außenseitern werden.

(Claudio Naranjo „Das göttliche Kind und der Held“, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Via Nova)

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