Das Enneagramm als Landkarte der Persönlichkeit

Claudio Naranjo schreibt im „Enneagramm der Gesellschaft“: „Bevor sich die Psychologie mit den Charakterstörungen befasste, hatte die Religion längst erkannt, dass die Menschen sich durch bestimmte „Hauptsünden“ wie  Stolz, Neid oder Wollust voneinander unterscheiden. So finden wir zum Beispiel in der Göttlichen Komödie von Dante aus dem 13. Jahrhundert die Geizhälse, die Schlemmer oder die Zornigen in verschiedenen „Kreisen“ der Hölle und des Fegefeuers.

Auch wenn der psychologische Scharfsinn der Wüstenväter (die uns die Hauptsünden überliefert haben) schon vor vielen Jahrhunderten in der Geschichte des Christentums verloren gegangen ist, so haben doch die modernen Psychotherapeuten nun mit demselben Scharfsinn begonnen, diese alte Weisheit wiederzuentdecken. Melanie Klein brachte in die Psychoanalyse Erkenntnisse über den Neid ein und Karen Horney verdanken wir Einsichten über den Stolz, was dazu führte, dass die Therapie innerhalb unserer psychologischen Kultur Auftrieb bekam und eine uralte Weisheit erneut bestätigt wurde: Wenn wir unsere „Sünden“ erkennen und anerkennen, erfahren wir eine Wahrheit über uns selbst, die ein machtvolles Befreiungspotenzial enthält.

In Ichazos „Enneagramm der Leidenschaften“ finden wir neben den sieben Wurzelsünden zwei weitere negative Antriebskräfte: Die Angst und die Eitelkeit. (Interessant ist, dass vor der Gregorianischen Reform die Eitelkeit zu den acht Hauptsünden gezählt wurde.) Da Themen wie der Mangel an Authentizität und die ängstliche Vermeidung des natürlichen Verhaltens wichtige Bestandteile der Psychoanalyse beziehungsweise der Existenzpsychologie geworden sind, kann man sagen, dass wir im Enneagramm der Leidenschaften sowohl die Beobachtungen der ersten Christen (als Nachhall der schon vorher bestehenden Esoterik) als auch die Erkenntnisse der modernen Psychotherapeuten vereint finden.“

(Claudio Naranjo, Auszug aus „Das Enneagramm der Gesellschaft“, mit freundlicher Genehmigung des Verlags ViaNova)

Claudio Naranjo lernte im Arica-Institut bei Oscar Ichazo das System der Protoanalyse kennen und mit ihm die Enneagonen –Vorformen des heutigen Enneagramms, in denen den neun Punkten des Enneagramm-Symbols Charaktermerkmale als verstreute Begriffe zugeordnet waren, es aber keine übergeordnete Struktur gab – zumindest keine, die offen gelehrt wurde. Naranjo arbeitete ein Gesamtsystem aus, das er zusätzlich mit den Persönlichkeitsstörungen des psychiatrischen Diagnosemanuals DSM verknüpfte.

Naranjo selbst fasst das System so zusammen: „...eine systematische „Psychologie der Enneatypen“ – eine integrative Sicht der Persönlichkeit, die die Berücksichtigung von Persönlichkeitseigenschaften, Motivationen, kognitiven Stilen und existentiellen Dimensionen zusammenbringt. Im Kern dieser Formulierung steht die systematische Erforschung der Idee einer existentiellen Psychodynamik – aufgrund derer alle mangelhaften Motivationen aus einer fehlenden Wahrnehmung des Seins heraus entstehen.“

So entstand das Enneagramm, wie es heute bekannt ist. Obwohl Naranjo nie vorhatte dieses System außerhalb von speziellen Gruppen zu lehren, kam es bald zu Veröffentlichungen durch seine Schüler. Um der Tradierung von Fehleinschätzungen entgegenzuwirken, schrieb er bald auch selber einige Bücher zu dem Thema.

Allerdings hielt er bis heute eine detaillierte Beschreibung der Subtypen zurück (jeder der neun Typen lässt sich wiederum in drei Subtypen unterteilen, die sich im Erscheinungsbild und der Psychodynamik teils erheblich unterscheiden und somit für eine exakte Diagnostik kaum entbehrlich sind), da er nach wie vor der mündlichen Tradition den Vorzug gibt. Naranjo lehrt diesen Teil des Enneagramms nur in seinen SAT-Seminaren, da er dort sichergehen kann, dass die Informationen nicht rein theoretisch dargeboten werden, sondern durch den Kontext der Selbsterfahrung praktische Bedeutung erhalten. Andere Formen der theoretischen Übermittlung dieser Fakten sieht er in diesem Zusammenhang als Informationsverschwendung an, da der Boden dafür nicht bereitet wurde.

Außerdem fehlt dem Enneagramm in der schriftlichen Überlieferung der ursprüngliche Kontext, in dem es zu einem Werkzeug für die Selbstarbeit und Transformation der beschriebenen Charakterstrukturen wird. So sind viele verschiedene Schulen entstanden, die dieses Vakuum an spiritueller Dimension auf unterschiedliche Art füllen.

Naranjo geht es darum, das „gesunde Selbst“  zu entwickeln, im Gegensatz zum „pathologischen Selbst“, also dem Typ. Daher hält er das in der Enneagramm-Kultur entstandene Vorgehen, die positiven und negativen Eigenschaften eines Typs aufzuzählen, oft für kontraproduktiv. Ursprünglich ging es im Enneagramm um den „Schatten“ und die Überwindung dieses Schattens. Ein Schatten, den man sich schönredet, kann zu einer Identifikation führen und damit die Transformation dieser Eigenschaften erschweren. Das gesunde Selbst ist immer vorhanden und wird dadurch gefördert, dass man die kranken Strukturen detailliert beleuchtet und diese somit ihre Macht verlieren. Es geht in diesem Zusammenhang um die Frage: Was bin ich, wenn ich nicht mein Typ bin?  

Dazu schreibt Naranjo: „Selbst wenn wir bei jedem einzelnen Persönlichkeitstypus Personen mit unterschiedlich stark ausgeprägten Krankheitsbildern zwischen „pathologisch“ und „integriert“ finden – von der Psychose über die Neurose bis hin zu den verschiedenen Entwicklungsstufen, die zum Zustand der Erleuchtung (Transzendierung des Egos) führen -  so ist doch klar, dass auch der Persönlichkeitsstil des „Gesunden“ oder „Normalen“ immer noch Restbestände einer Störung aufweist. Im Grunde genommen liegt der Unterschied zwischen Gesunden und Kranken nicht so sehr im Fehlen oder Vorhandensein von neurotischen Motivationen, sondern darin, in welchem Umfang diese bei der Person vorkommen und in welchem Maße sie es geschafft hat, Herr im eigenen Haus zu sein. So können wir auch bei weit fortgeschrittener Selbstverwirklichung erkennen, dass noch Reste kindlicher Konditionierung vorhanden sind – nur dass diese Charakterzüge der Person jetzt nicht mehr hinderlich, sondern nützlich sind.

Heutzutage, da Bücher über das Enneagramm der Persönlichkeit immer mehr Interesse in der Öffentlichkeit finden, wird immer öfter Kritik an der Orientierung am Pathologischen laut. Meines Erachtens lässt dieser Protest ganz allgemein einen Widerstand gegen das Sich-in-Frage-Stellen erkennen, aber auch eine Vorliebe für das Leichte und Seichte, das für unsere Zeit, in der das Festhalten der christlichen Kultur an der Sünde abgelehnt wird, so typisch ist. Ich werde daher keine Beschreibung der Charaktere nach Art der Astrologiebücher liefern, in denen alle Planeten und Aspekte, sowie günstige und beeinträchtigende Eigenschaften aufgezählt werden. Unsere Persönlichkeit weist noch Elemente von Konditionierung auf, insofern sie noch Restbestände unserer kindlichen Strategien zum Erhalt von Liebe enthält, die wir in einer Welt des Mangels nicht automatisch erhalten haben. Das Bemühen um das Äußere, das wir beim eitlen Charaktertyp finden, kann zweifellos ein Wesensmerkmal sein, das gegenüber der Routine prädestiniert den Trägen vielleicht als zuverlässigen Verwalter. Für den einzelnen Menschen ist dies jedoch viel weniger wichtig als das Erkennen von Motivationen und Neigungen jenes anderen Ichs, das mit einem inneren Schmarotzer verglichen werden kann und das um so weniger Macht im eigenen Leben haben wird, je besser es erkannt wird. Wie schon Gurdjieff sagte, kann man eine Maschine, die sich selbst erkennt und die Verantwortung für ihr Handeln übernimmt, nicht mehr als Maschine bezeichnen.“ 

(Claudio Naranjo, Auszug aus „Das Enneagramm der Gesellschaft“, mit freundlicher Genehmigung des Verlags ViaNova)

Es ist in diesem Rahmen unmöglich einen Überblick über das höchst komplexe System des Enneagramms zu geben, das weit über „eine einfache Aufzählung von Charaktertypen“ hinausgeht und mit dem wir die Charaktere „wie auf einer Landkarte im Rahmen ihrer Verwandtschaft und Nachbarschaft mit den anderen betrachten und deren Beziehungen untereinander, die durch die Innenlinien des Enneagramms angegeben werden, beleuchten können“, wie Naranjo es ausdrückt.

Wir empfehlen für einen theoretischen Einblick in die Vielschichtigkeit des System die Bücher Naranjos zu diesem Thema, für eine tiefergehende Beschäftigung die Teilnahme am SAT-Programm.

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